Globale Ethik

Der Forschungsschwerpunkt „Ethik der Globalisierung“ versteht sich als ein Forum für grundlegende und anwendungsbezogene moralische Fragestellungen, die mit den besonderen Herausforderungen der politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Globalisierung verbunden sind.
Im Rahmen dieser Aufgabenstellung lassen sich folgende Teilprojekte abgrenzen:

(1) Die transkulturelle Rechtfertigung moralischer Normen:

Kann man einen hinreichend präzisen Kernbestand universell gültiger Menschenrechte rechtfertigen? Der genaue Umfang solcher Menschenrechte und -pflichten ist bereits zwischen den Hauptströmungen der angelsächsischen Philosophie umstritten. Die Identifizierung eines universell gültigen Kerns wird noch schwieriger, sobald man sich auf einen Diskurs mit entfernteren Kulturkreisen einlässt. Das lässt die Hoffnung auf einen Kern, der Gegenstand eines overlapping consensus sein könnte, schwinden. Es scheint eher erfolgversprechend, nach einem Muster oder Verfahren der Argumentation zu suchen, das in moralischen Diskursen transkulturell akzeptabel ist. Von einem solchen Begründungsmodell her müsste dann geklärt werden, welche Variations- und Gewichtungsbreite in Fragen der Menschenrechte vor dem Hintergrund spezifischer lokaler und historischer Bedingungen vertretbar ist. Das würde zugleich den Rahmen einer politisch legitimen demokratischen Selbstbestimmung markieren.

(2) Ethische Probleme supranationaler Austauschprozesse:

Hier ist es notwendig, sich zuerst mit den realen Prozessen vertraut zu machen und dann ein Instrumentarium zu entwickeln, mit dem die moralisch legitimen Interessen aller Betroffenen sowohl identifiziert wie gewichtet werden können. Dabei geht es u.a. um folgende Aspekte:
– Wie lässt sich in supranationalen Kontexten die Verantwortlichkeit der Agenten bestimmen? Was sind plausible Kriterien für unterschiedliche Grade der Verantwortlichkeit? Was bedeutet das insbesondere für den Umfang positiver Pflichten?
– Welche Auflagen hinsichtlich sozialer Rechte und Umweltverträglichkeit sind für den zwischenstaatlichen Leistungsaustausch zulässig und welche stellen eine unfaire Form des Protektionismus dar?
– Wie sind die Partizipationsrechte aller an den kontingenterweise ungleich verteilten natürlichen Ressourcen zu bestimmen?

(3) Nationale Autonomie:

Dazu gehören zwei Problembereiche

(3.1.) Migration:
Hier ist zu erforschen, wie weit das Interesse eines Staatsvolkes an der Ausschließung anderer von seinem Territorium legitimerweise reicht. Da der Schutz vor Verfolgung und elementarer Not den Kernbereich der Menschenrechte bezeichnet, besteht hier prima facie eine starke Hilfspflicht. Besonders deutlich ist, dass diese Rechte einer moralisch überzeugenden Auslegung bedürfen, um zu bestimmen, wie weit die moralischen Verpflichtungen eines Staates reichen.

(3.2.) Humanitäre Interventionen:
Hier geht es um das Recht und die Pflicht, in die Souveränität eines anderen Staates einzugreifen, um innerhalb desselben schwere Menschenrechtsverletzungen zu verhindern. Das setzt voraus, dass man überhaupt über eine universell vertretbare Theorie von Menschenrechten verfügt. Sodann ist zu klären, welche Verletzung derselben welche Formen des supranationalen Eingreifens rechtfertigt. Ein wichtiger Teilaspekt ist die Frage, ob solches Eingreifen auch die Schädigung Unbeteiligter durch intervenierende Kräfte rechtfertigen kann. Und schließlich geht es dabei nicht nur um Rechte, sondern auch um Pflichten. Wer sind diejenigen, die verpflichtet sind, ihr Leben für die Beendigung von Menschenrechtsverletzungen zu riskieren?

(4) Globale Externalitäten:

Viele Produktionsformen haben negative Folgen, die von den Konsumenten nicht über den Produktpreis kompensiert werden. Solche Externalitäten können zu globalen Formen von Ungerechtigkeit werden. Hier wäre zu untersuchen, wie eine moralisch ausreichende Internalisierung solcher Folgen aussehen muss. Ein zentrales Teilproblem ist dabei das der transgenerationalen Gerechtigkeit. Inwieweit hat die jetzige Bevölkerung eines Staates die Verantwortung für das Handeln ihrer Vorgängergenerationen zu übernehmen? Inwieweit wird zum Beispiel der gerechte Anteil einer Nation an der globalen Umweltbelastung durch die in der Vergangenheit von dieser Nation produzierten Belastungen mitbestimmt? Den Umfang einer solchen Verantwortlichkeit zu bestimmen ist insbesondere dort unabweislich, wo die jetzigen Staatsbürger von den einschlägigen Handlungen ihrer Vorgängergenerationen profitieren.

(5) Ethik des Klimawandels:

Die Risiken von Klimawandel und Umweltzerstörung gehören zu den typischen Problemen einer globalen Ethik. Denn bei der moralischen Zuschreibung von Verantwortung müssen komplexe empirische Folgeabschätzungen mit Theorien globaler wie intergenerationeller Gerechtigkeit ineinander greifen. Die resultierenden Forderungen müssen zudem den Test globaler Praktikabilität bestehen können. Die hier zentralen Fragen lauten: Wie lassen sich die Lasten des Klimawandels gerecht verteilen? Welche Verantwortung haben wir gegenüber späteren Generationen? Wie lassen sich Verhaltensänderungen unter unklaren Risikobedingungen einfordern? Darf die internationale Gemeinschaft bestimmte Verhaltensweisen global durchsetzen oder setzen Souveränitätsrechte der Einforderbarkeit globaler Verantwortung Grenzen? Und erneut: Welche Verantwortung haben Individuen gegenüber dem Klimawandel qua Verbraucher für ihren carbon footprint und zugleich als politische Bürger für eine gesetzliche Regulierung?

%d Bloggern gefällt das: